Great Eastern in 1:388: ein Bausatz von 1963 und der Gigant des viktorianischen Zeitalters

Von 1. Oktober 2026Modellbau7 min Lesezeit

Es gibt Schiffe, die ihrer Zeit voraus waren, und es gibt die Great Eastern. Sie war vierzig Jahre lang das größte Schiff der Welt, sie hat ihre Erbauer ruiniert, sie hat Europa und Amerika telegrafisch verbunden, und sie endete als schwimmende Reklamefläche. Unser Bausatz im Maßstab 1:388 entsteht aus den originalen Werkzeugen von 1963 und gehört damit zu den Klassikern unserer neuen Vintage bausatz Serie. Ihr findet ihn bei uns im Shop unter Great Eastern.

Ein Schiff, das jeden Maßstab sprengte

Entworfen wurde die Great Eastern von Isambard Kingdom Brunel, dem wohl berühmtesten Ingenieur des viktorianischen Großbritanniens, gemeinsam mit dem Schiffbauer John Scott Russell. Gebaut wurde sie ab 1854 auf der Werft von J. Scott Russell und Co. in Millwall an der Themse, zunächst unter dem Namen Leviathan. Brunel selbst nannte sie liebevoll Great Babe.

Die Zahlen wirken bis heute unwirklich. 211 Meter Länge, rund 32.000 Tonnen Verdrängung, Platz für 4.000 Passagiere und genug Kohle an Bord, um ohne Bunkerstopp bis nach Australien zu fahren. Der Rumpf war doppelwandig aus Eisen, zusammengehalten von Millionen Nieten, und Brunel brachte darin seine Erfahrungen aus dem Brückenbau unter. Angetrieben wurde das Schiff gleich dreifach, nämlich von gewaltigen seitlichen Schaufelrädern, von einer Schiffsschraube und von Segeln an sechs Masten. Dazu kamen fünf Schornsteine. Kein anderes Schiff des 19. Jahrhunderts sah so aus, und genau diese Silhouette macht das Modell auf dem Regal so unverwechselbar. Erst um die Jahrhundertwende entstanden wieder Schiffe dieser Größenordnung.

Der Stapellauf, der drei Monate dauerte

Weil der Rumpf länger war als die Themse an dieser Stelle breit, musste die Great Eastern quer zum Fluss gebaut und quer zu Wasser gelassen werden. So etwas hatte in dieser Dimension noch niemand versucht. Beim ersten Versuch am 3. November 1857 bewegte sich der Koloss ganze 120 Zentimeter und blieb dann stehen. Es folgten Wochen des Ziehens, Pressens und Rechnens, Arbeiter verunglückten, die Kosten explodierten, und Brunel zerrieb sich an dem Projekt. Erst am 31. Januar 1858 gelang es mit hydraulischen Pressen und der Flut, das Schiff freizubekommen. Allein der missglückte Stapellauf verschlang rund 120.000 Pfund und trieb die Reederei in die Insolvenz, sodass eine neue Gesellschaft gegründet werden musste, die dem Schiff auch seinen endgültigen Namen gab.

Brunels letzte Fahrt

Die Jungfernfahrt im September 1859 wurde zur Tragödie. Am 5. September erlitt Brunel an Bord einen Schlaganfall, wenige Tage später explodierte vor Hastings ein Vorwärmer, ein Schornstein wurde aus dem Schiff gerissen und mehrere Heizer starben. Brunel starb am 15. September 1859, ohne zu erfahren, dass sein größtes Werk doch noch Geschichte schreiben würde. Von der Baustelle stammt auch eines der berühmtesten Fotografien des 19. Jahrhunderts, nämlich Robert Howletts Aufnahme von Brunel mit Zigarre vor den riesigen Ankerketten der Stapellaufvorrichtung. Wer dieses Bild kennt, kennt die Great Eastern, auch ohne ihren Namen zu kennen.

Den Bausatz dazu findet ihr hier: Great Eastern im Revell Shop.

Vom teuren Fehlschlag zum Helden der Kommunikation

Als Passagierschiff blieb die Great Eastern ein Verlustgeschäft, denn für die Atlantikroute war sie schlicht zu groß, und die Reisenden blieben aus. 1862 riss ein nicht kartierter Felsen vor Long Island einen langen Schlitz in den äußeren Rumpf, was das Schiff dank seiner doppelten Hülle überlebte, die Bilanz aber weiter belastete.

Die zweite Karriere machte sie unsterblich. Zum Kabelleger umgebaut, nahm sie tausende Kilometer Telegrafenkabel in ihren Laderäumen auf, allein das Verladen dauerte Monate. Der Versuch von 1865 endete mit einem Kabelbruch mitten im Atlantik, doch 1866 gelang es: Das erste dauerhaft funktionierende Transatlantikkabel wurde verlegt und in Heart’s Content auf Neufundland an Land gebracht. Anschließend fischte die Besatzung sogar das verlorene Kabel des Vorjahres vom Meeresgrund und vollendete auch diese Verbindung. Aus Wochen der Nachrichtenübermittlung per Schiff wurden Minuten. Wer heute über Seekabel und globale Datenströme spricht, spricht über eine Entwicklung, die mit diesem Schiff begann.

Verne, Zweig und die Legende vom eingemauerten Nieter

Kein Wunder, dass die Literatur sich der Great Eastern angenommen hat. Jules Verne fuhr 1867 selbst mit ihr nach New York und verarbeitete die Reise in seinem Roman Une ville flottante, auf Deutsch Eine schwimmende Stadt, der 1871 erschien. Stefan Zweig widmete dem ersten Wort über den Ozean eine seiner historischen Miniaturen in den Sternstunden der Menschheit und schildert darin, wie das Mammutschiff 1865 mit neuem Kabel die Themse verlässt. Und 2019 stellte der Autor Howard A. Rodman in seinem Roman The Great Eastern Brunel gleich zwischen zwei literarische Kapitäne, nämlich Vernes Nemo und Melvilles Ahab.

Dazu kommt die schaurigste Geschichte von allen. Beim Abwracken sollen im doppelten Rumpf die Skelette eines Nieters und seines Gehilfen gefunden worden sein, die während des Baus eingeschlossen worden seien. Die Erzählung hält sich bis heute hartnäckig, sie erklärt angeblich den Unglücksruf des Schiffes, und sie ist mit großer Wahrscheinlichkeit erfunden. Der Technikhistoriker L. T. C. Rolt durchsuchte die Liverpooler Zeitungen jener Monate und fand keinen einzigen Hinweis auf einen solchen Fund. Als Anekdote am Basteltisch bleibt sie trotzdem unschlagbar.

Das Ende als schwimmende Reklamefläche

Der letzte Akt passt zum Rest des Lebenslaufs. Nach dem Ende der Kabelfahrten diente die Great Eastern als Attraktion, als schwimmende Music Hall und schließlich als Werbeträger für das Kaufhaus Lewis’s in Liverpool, dessen Schriftzug in riesigen Buchstaben an der Bordwand prangte. 1889 wurde sie verkauft und auf dem Mersey zerlegt, wobei ihr Rumpf den Abbruchunternehmen derart widerstand, dass die Arbeiten anderthalb bis zwei Jahre dauerten und dabei eine der frühen Abrissbirnen zum Einsatz kam. Selbst beim Sterben war dieses Schiff eine Ausnahmeerscheinung.

Unser Bausatz von 1963: 222 Teile Modellbaugeschichte

Die Formen dieses Bausatzes stammen aus dem Jahr 1963, also aus einer Zeit, in der Plastikmodellbau gerade erwachsen wurde. Mit 222 Teilen ist die Great Eastern kein Nachmittagsprojekt, und mit 56,7 Zentimetern Länge braucht das fertige Modell eine ernsthafte Stellfläche. Ihr rekonstruiert den genieteten Rumpf, setzt die mächtigen Schaufelradkästen an, richtet fünf Schornsteine aus und takelt sechs Masten auf. Die Verpackung kommt im klassischen Design der Sechziger, und die Auflage ist streng limitiert.

Aus der Praxis drei Hinweise. Erstens lohnt es sich, alle Teile vorher trocken zu stecken, denn historische Werkzeuge arbeiten mit größeren Toleranzen als heutige Formen, und Grat gehört dazu. Zweitens solltet ihr die Masten erst nach dem Lackieren des Decks setzen, weil sonst jeder Pinselstrich zum Geduldsspiel wird. Drittens bringt eine feine Takelage aus dunklem Garn oder gezogenem Gussast mehr Wirkung als jedes zusätzliche Bauteil, gerade in diesem kleinen Maßstab. Wer mag, deutet die Nietenreihen mit einem dünnen Washing an, das die Struktur des Rumpfes betont, ohne sie zu überzeichnen.

Im Lieferumfang findet ihr den nicht zusammengebauten Plastikmodellbausatz aus den historischen Formen von 1963, eine bebilderte und mehrsprachige Bauanleitung sowie einen Abziehbildersatz.

Erweckt den Leviathan zum Leben, solange die limitierte Auflage reicht: Great Eastern jetzt im Revell Shop.

Inspiration zum Bau

Megaprojects führt Euch hier ums Schiff und in seine beeindruckende Historie ein

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